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Gesundheitliche Lage von Arbeitslosen

Zahlreiche Studien belegen, dass Arbeitslose einen schlechteren physischen, psychischen und funktionalen Gesundheitszustand haben als Erwerbstätige (Berth et al. 2008; Kroll, Lampert 2011; Lampert et al. 2011; Robert Koch-Institut 2012; Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007). Nationale und internationale Studien belegen eine Verknüpfung von Arbeitslosigkeitserfahrungen mit einem erhöhten Mortalitätsrisiko (Grobe 2006; Marikainen, Valkonen 1996; Voss et al. 2004). Für Deutschland konnte das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2010) darstellen, dass die Arbeitslosenquote signifikant mit der Lebenserwartung assoziiert ist.

Der unfreiwillige Verlust des Arbeitsplatzes ist in der Regel weit mehr als nur ein Knick in der eigenen Erwerbsbiografie. Arbeitslosigkeit wird von Betroffenen vielfach als ein einschneidendes Erlebnis empfunden und geht über die direkt erfahrbaren finanziellen Einbußen hinaus: sie hat erhebliche Auswirkungen auf die Lebensführung. Lebensperspektive, gesellschaftliches Ansehen, finanzielle Absicherung und Lebenssinn werden in Frage gestellt oder gehen verloren. Die Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit sowie auf das soziale Umfeld sind enorm. So gehen im Zuge der immateriellen Verluste auch die Tages- und Zeitstruktur, vorgegeben durch den Arbeitsrhythmus, sowie die sozialen Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen verloren (Janlert, Hammarstrom 2009). Zudem geht mit Arbeitslosigkeit ein stigmatisierender Status einher, der die eigene Identität sowie die Teilhabe an der Gesellschaft beeinflusst (Mühlpfordt 2014). Das Gefühl von Stigmatisierung erfahren zirka 25 % der Arbeitslosen, verbunden mit Scham und Hoffnungslosigkeit und einem Verlust von Würde und Selbstwertgefühl (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011). Die negativen Folgen von Arbeitslosigkeit machen sich stärker bei gewerblich-technischen Berufsgruppen bemerkbar als bei Berufen aus dem Bürobereich, was sich eventuell über größere finanzielle Reserven erklären lässt (Paul, Moser 2009).

Auch konnten Zusammenhänge zwischen einer subjektiv wahrgenommenen Arbeitsplatzunsicherheit, dem drohenden Verlust des Arbeitsplatzes und physiologischen Parametern (zum Beispiel Blutdruck, Cholesterinspiegel, Body-Mass-Index) sowie signifikanten Einschränkungen im Bereich der psychischen Gesundheit hergestellt werden (Ferrie et al. 1998; Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007; Zok 2006). Von Erwerbslosigkeit bedrohte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer leiden unter ähnlich starken psychischen und physischen Beschwerden wie Arbeitslose (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011).

Daten zur gesundheitlichen Lage von Arbeitslosen

Arbeitslose Personen erkranken häufiger als Erwerbstätige des gleichen Alters (Robert Koch-Institut 2003). Dies zeigt der Gesundheitsreport des Dachverbands der Betriebskrankenkassen: Im Jahr 2013 hatten die Bezieherinnen und Bezieher von Arbeitslosengeld I mit 25,8 Arbeitsunfähigkeitstagen einen erheblich höheren Krankenstand als pflichtversicherte Erwerbspersonen (16,4 Tage). Auffallend ist zudem die hohe Falldauer von 40,9 Arbeitsunfähigkeitstagen, die dreimal so hoch ist wie die der Pflichtversicherten (BKK Dachverband e. V. 2013). Diese Zahlen verdeutlichen die besonders hohe Morbidität der Arbeitslosen.

In der Studie Gesundheit in Deutschland Aktuell 2010 (GEDA 2010) wurden Beeinträchtigungen des seelischen Befindens sowie der körperlichen Gesundheit und ihre Auswirkungen auf die Alltagsaktivitäten unabhängig von einer Krankmeldung bei der Ärztin oder beim Arzt erfasst. Die Abbildung "Tage mit Beeinträchtigung des körperlichen und seelischen Befindens und daraus folgende Beeinträchtigungen bei Alltagsaktivitäten in den letzten vier Wochen nach Erwerbssituation und Geschlecht" zeigt die vermehrten gesundheitlichen Beschwerden von Arbeitslosen und prekär Beschäftigten gegenüber erwerbstätigen Personen. Die Beeinträchtigung des körperlichen und seelischen Befindens ist bei prekär beschäftigten und (langzeit-)arbeitslosen Frauen, gemessen an Tagen mit einer entsprechenden Beeinträchtigung, geringfügig stärker ausgeprägt als bei Männern mit den gleichen Voraussetzungen.


Tage mit Beeinträchtigung des körperlichen und seelischen Befindens und daraus folgende Beeinträchtigungen bei Alltagsaktivitäten in den letzten vier Wochen nach Erwerbssituation und Geschlecht.
Datenbasis: GEDA 2010. Quelle: Kroll LE, Lampert T (2012) Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und Gesundheit. Hrsg. Robert Koch-Institut, Berlin. GBE kompakt 3(1) www.rki.de/gbe-kompakt (Stand: 18.10.2012).

04_Tage mit Beeinträchtigung_S.4

Auch wird deutlich, dass die Zeiten der Beeinträchtigung der körperlichen Gesundheit, des seelischen Befindens und deren Auswirkungen auf die Alltagsaktivität mit der Dauer der Arbeitslosigkeit sukzessive zunehmen (Robert Koch-Institut 2012). Es gibt nicht die typische Erkrankung von Arbeitslosen. Vielmehr häufen sich physische und psychische Morbiditäten über den Zeitverlauf an, was die besondere Belastung der Langzeitarbeitslosen erklärt (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007). So weisen über 39 % aller Langzeitarbeitslosen vermittlungsrelevante gesundheitliche Einschränkungen auf (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011). Die über den Zeitverlauf zunehmenden sozialen und gesundheitlichen Probleme erschweren den Wiedereintritt in die Arbeitswelt. So geben zum Beispiel 57 % einen Verlust von Entspannungsfähigkeit an, 53 % empfinden ständigen Stress und Ärger und 44 % trinken regelmäßig und in höheren Mengen Alkohol (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011). Daher besteht für die Prävention und Gesundheitsförderung ein besonderer Handlungsbedarf, um die Wiederbeschäftigungschancen von Arbeitslosen zu verbessern. Insbesondere vor dem Hintergrund des im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt überproportional gestiegenen Armutsrisikos von Arbeitslosen (Frick, Grabka 2008; Goebel, Richter 2007) und der in den letzten zwei Jahrzehnten vollzogenen Ausweitung der gesundheitlichen Ungleichheiten von Arbeitslosen und Erwerbstätigen, die vermehrt Männer betrifft (Robert Koch-Institut 2012).

 

Psychische Gesundheit von arbeitslosen Frauen und Männern

Stärkere psychische Beeinträchtigungen von Erwerbslosen im Vergleich zu Erwerbstätigen werden in Metaanalysen belegt (McKee-Ryan et al. 2005; Paul, Moser 2009), dabei stellt die psychische Gesundheit den gesundheitlichen Bereich dar, in dem arbeitslose Menschen die größten Defizite aufweisen (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011). 34 % der Erwerbslosen weisen eine Symptomatik von klinischer Relevanz auf (Paul, Moser 2009); dazu zählen beispielsweise affektive Störungen sowie neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen. Die häufigsten psychischen Folgeerkrankungen durch Arbeitslosigkeit sind Depressionen und Angststörungen (Robert Koch-Institut 2012). Personen mit starken Ängsten, die häufig die Zukunft betreffen, nutzen in erheblichem Umfang angstlösende Substanzen wie Alkohol oder Medikamente (Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel) (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011). Auch konnte ein vermehrtes Auftreten suizidaler Handlungen beobachtet werden (Berth et al. 2008). Bei Personen, die Erwerbslosigkeitserfahrungen in ihrem Berufsleben gemacht haben, wirken sich diese sogar bis in den Ruhestand hinein aus (Mühlpfordt 2014).

Psychische Erkrankungen sind die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit (32,1 % aller Arbeitsunfähigkeits-Tage, im Vergleich zu 13,9 % bei pflichtversicherten Beschäftigten) - darin spiegelt sich die besondere Belastung der Arbeitslosen wider (BKK Dachverband e. V. 2013). Ein deutlicher Anstieg der psychischen Störungen ist mit zunehmendem Alter zu beobachten, der Spitzenwert wird in der Altersgruppe der 55- bis 59-Jährigen erreicht. In Abbildung "Arbeitsunfähigkeit der Empfänger von Arbeitslosengeld nach Alter und Krankheitsarten (Tage)" wird deutlich, dass Erkrankungen des Muskel-/Skelettsystems die zweite große Gruppe der Ursachen von Arbeitsunfähigkeit sind.


Arbeitsunfähigkeit der Empfänger von Arbeitslosengeld nach Alter und Krankheitsarten (Tage).
Quelle: BKK Dachverband e. V. 2013.

05_BKK-Gesundheitsreport_2013

Zwischen Arbeitslosigkeit und Depression zeigt sich ein signifikanter Zusammenhang. Mit Depressivität und Ängstlichkeit geht eine geringere Selbstwirksamkeitserwartung einher, die insbesondere bei Arbeitslosen wesentlich stärker ausgeprägt ist als bei Erwerbstätigen. Diese Befunde spiegeln sich auch in der Selbsteinschätzung der Arbeitslosen wider: sie nehmen sich als depressiv, neurotisch und verschlossen wahr und haben ein sehr negatives Selbstbild (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007).

Mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit verschlechtert sich die psychische Gesundheit erheblich. Das psychische Wohlbefinden liegt für prekär Beschäftigte und für Arbeitslose deutlich unter den altersspezifischen Referenzwerten (Robert Koch-Institut 2012). Bei prekär Beschäftigten, die eine Bedrohung ihres Arbeitsplatzes wahrnehmen, verbessert sich die psychische Gesundheit signifikant nach einem Wechsel in ein sicheres Beschäftigungsverhältnis (Ferrie 2006).

Wirkung von Stress

Arbeitslosigkeit stellt für viele Menschen eine chronische Stresssituation dar: sie besitzen keine ausreichenden Möglichkeiten, den Anforderungen der Umwelt zu begegnen und sie zu bewältigen. Liegen zusätzlich Erkrankungen oder psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen, Angststörungen oder ein reduziertes Selbstwertgefühl vor, werden die Anforderungen schier unüberwindbar. Belastungen, die der Mensch nicht mehr verarbeiten kann, resultieren früher oder später in einer Erkrankung.

Als klassische Stressoren arbeitsloser Personen konnten identifiziert werden:

  • permanente Sorge um den Lebensunterhalt,
  • Sorge um die Altersversorgung,
  • Befürchtung, mit gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen nicht Schritt halten zu können,
  • Angst, den Wiedereinstige in das Berufsleben nicht zu schaffen,
  • Selbstzweifel,
  • Verlust von sinnvoller Tätigkeit und Anforderung,
  • Verlust des sozialen Netzwerkes im täglichen Arbeitsumfeld,
  • Verlust einer festen Tagesstruktur,
  • Stigmatisierung durch die Gesellschaft,
  • Unsicherheit bezüglich der Zukunft (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011).

Mit Arbeitslosigkeit verbunden sind ein Verlust des eigenen Handlungsspielraums (Vorgaben und Regelungen durch Ämter) und ein gefühlter Verlust von Selbstwirksamkeit in Folge erfolgloser Bemühungen um einen neuen Arbeitsplatz. Daraus resultiert eine deprimierte Stimmung, die dazu beiträgt, dass sich arbeitslose Menschen von ihrem sozialen Umfeld zurückziehen und auf lange Sicht ein Teufelskreislauf entstehen kann (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011).

Diese mit der Arbeitslosigkeit assoziierten Belastungen können (chronischen) psychosozialen Stress erzeugen und dadurch das Auftreten von Krankheiten, aber auch ein gesundheitsriskantes Verhalten begünstigen. Akuter und chronischer Stress setzen den Körper physiologisch in einen Zustand der Alarmbereitschaft. Dem können regelmäßige Bewegung sowie Entspannungs- und Ruhephasen entgegenwirken und so den Stress reduzieren. Fehlen beide Komponenten, können sich Krankheiten manifestieren. Die Gefahr besteht insbesondere bei Langzeitarbeitslosigkeit, die als Dauerbelastung empfunden wird. Chronischer Stress bewirkt nicht nur rein körperliche Folgen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Muskelbeschwerden, einen erhöhten Cholesterinspiegel, Diabetes oder ein gestörtes Immunsystem, sondern es treten verstärkt emotionale Reaktionen wie depressive Stimmungen, Ärger und Ängste auf. Auch wächst das Risiko gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen wie Alkohol- und Nikotinkonsum, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung oder Schlafmangel (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011).

Krankheit als Folge und Ursache von Arbeitslosigkeit

Belegt ist, dass Menschen mit Gesundheitsproblemen, chronischen Erkrankungen oder auch Behinderungen häufiger arbeitslos werden; gleichzeitig erschweren gesundheitliche Einschränkungen die Suche nach und die Vermittlung in eine neue Anstellung (Selektionseffekte). (Lange, Lampert 2005; Robert Koch-Institut 2003). So ist beispielsweise das Risiko einer Arbeitslosigkeit für Menschen mit einer Schwerbehinderung besonders hoch (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011). Umgekehrt berichten arbeitslose Frauen und Männer, dass sich ihr Gesundheitszustand in Folge der Arbeitslosigkeit, aber auch durch eine intensive und andauernde Arbeitsplatzunsicherheit, verschlechtert habe (Kausalität) (Mathers, Schofield 1998; Robert Koch-Institut 2012). Diese beiden Wirkrichtungen demonstrieren deutlich den wechselseitigen Zusammenhang und die Verstärkung zwischen Arbeitslosigkeit und beeinträchtigter Gesundheit. Sie können sich gegenseitig negativ beeinflussen und in einem Teufelskreislauf resultieren, wie Abbildung ""Circulus vitiosus" von Arbeitslosigkeit und Gesundheit" veranschaulicht. Gesundheitliche Einschränkungen und Erkrankungen können demnach sowohl Folge als auch Ursache der Arbeitslosigkeit sein. Diese enge Assoziation zwischen Arbeitslosigkeit und Gesundheit tritt nicht nur in Deutschland auf, sondern wurde auch in anderen europäischen Staaten beobachtet (Robert Koch-Institut 2012).