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Gesundheitsverhalten und Gesundheitsressoucen von Arbeitslosen

Viele Untersuchungen belegen, dass arbeitslose Menschen weniger gesundheitsbewusst leben. Neben einem gesundheitsbezogenen Verhalten haben auch die körperlichen, psychischen und sozialen Ressourcen Einfluss auf den Erhalt und die Verbesserung der Gesundheit arbeitsloser Frauen und Männer. Daher ist es für Akteurinnen und Akteure der Arbeits- und Gesundheitsförderung von Bedeutung, die Defizite im Gesundheitsverhalten zu kennen, die Ressourcen arbeitsloser Menschen zu identifizieren und zu stärken sowie ihre soziale und gesundheitliche Teilhabe zu fördern.

Gesundheitsverhalten

In Studien wurden gesundheitsriskantere Verhaltensweisen und ein ungesünderer Lebensstil von Arbeitslosen belegt - Unterschiede zu Erwerbstätigen zeigen sich zum Beispiel bei sportlicher Inaktivität, Adipositas und beim Substanzkonsum. Das Risiko zu rauchen, sportlich inaktiv oder adipös zu sein ist bei arbeitslosen im Verhältnis zu erwerbstätigen Frauen und Männern deutlich erhöht. Besonders viele verhaltensbezogene Gesundheitsrisiken sind bei Langzeitarbeitslosen festzustellen (siehe Abbildung "Verhaltenskorrelierte Risikofaktoren nach Erwerbssituation und Geschlecht 2010/2011 (in Prozent)"). Arbeitslose Frauen und Männer rauchen über alle Altersklassen hinweg deutlich häufiger und auch stärker als Erwerbstätige, ungeachtet ihrer erschwerten ökonomischen Lage (Brenner 2006; Robert Koch-Institut 2012; Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007). Besonders auffallend ist der Tabakkonsum der 30- bis 64-jährigen Langzeitarbeitslosen, die fast doppelt so häufig rauchen wie die gleichaltrigen sicher Beschäftigten. Hinsichtlich des Alkoholkonsums lassen sich in Untersuchungen keine eindeutigen Aussagen treffen. Leistungsdaten der Krankenkassen deuten jedoch darauf hin, dass bei arbeitslosen Frauen und Männern ein erhöhter Alkoholkonsum besteht (Hollederer 2003). Insgesamt ist ein prozentual geringer Teil der Arbeitslosen suchterkrankt (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007).

Verhaltenskorrelierte Risikofaktoren nach Erwerbssituation und Geschlecht 2010/2011 (in Prozent).
Quelle: Lampert et al. 2013, in: Bundeszentrale für politische Bildung 2013, ohne Änderungen, unter: www.bpb.de/nachschlagen/datenreport-2013/gesundheit-und-soziale-sicherung/173692/arbeitslosigkeit-und-gesundheit (Abruf: 17.12.2014).

07_Verhaltenskorrelierte Risikofaktoren nach Erwerbssituation und Geschlecht_web


Die Kombination aus geringer sportlicher Aktivität und einer wenig ausgewogenen, kohlenhydrat- und fettreichen Ernährung kann ein Grund für die erhöhten Adipositas- und Übergewichtsraten von Arbeitslosen gegenüber Erwerbstätigen sein: Bei den langzeitarbeitslosen Frauen sind 33 % übergewichtig und 26 % adipös im Vergleich zu 30 % beziehungsweise 13 % bei den erwerbstätigen Frauen. Auch bei den Männern zeigt sich ein deutlicher Unterschied mit 23 % adipösen Langzeitarbeitslosen und 16 % adipösen Erwerbstätigen (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007).

Es gibt auch Geschlechtsunterschiede beim Gesundheitshandeln und -verhalten von arbeitslosen Frauen und Männern, die in Bezug auf Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung relevant sind. So ernähren sich arbeitslose Männer eher ungesund, leiden eher an Hypertonie, erhöhtem Cholesterinspiegel und Übergewicht, nehmen Krankheitszeichen am Körper später wahr und nehmen seltener Unterstützung in Anspruch als Frauen. Sie erleben ihren Körper in erster Linie funktional. Im Hinblick auf psychische Erkrankungen weisen dagegen arbeitslose Frauen mehr affektive Angst- und psychosomatische Störungen auf. Männer leiden häufiger an Abhängigkeitserkrankungen, die sich in der Erwerbslosigkeit fortsetzen und oftmals noch verstärken. Die Gesundheitsprobleme nehmen bei Männern mit der Dauer der Erwerbslosigkeit zu, während Frauen gesundheitlich genauso stark oder sogar stärker durch Kurzzeit- als durch Langzeiterwerbslosigkeit beeinträchtigt sind (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011). Entsprechend der dargestellten Unterschiede wird die Notwendigkeit geschlechtsspezifischer Angebote der Prävention und Gesundheitsförderung für arbeitslose Frauen und Männer deutlich.

Aufgrund der Datenlage und der besonderen Belastungen von Arbeitslosen wird diese Zielgruppe durch den Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2007) zu den als besonders gesundheitlich gefährdeten Bevölkerungsgruppen gezählt. Daher sind Arbeitslose, aber auch prekär Beschäftigte, durch ihre besondere individuelle, soziale und gesundheitliche Situation eine zentrale Zielgruppe für Akteurinnen und Akteure der Gesundheits- und Arbeitsförderung.

Gesundheitsressourcen

Die Wirkung von Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit ist nicht nur vom Gesundheitszustand beim Eintritt in die Arbeitslosigkeit, von einwirkenden Stressoren und weiteren Belastungsfaktoren abhängig, sondern maßgeblich auch von den individuellen Ressourcen und Bewältigungsstrategien. Diese sind bei Arbeitslosen in der Regel geringer ausgeprägt als bei Erwerbstätigen. Umgekehrt sind die belastenden Verhaltensweisen bei Arbeitslosen stärker ausgebildet (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007). Generell gilt jedoch: Das Erleben von Arbeitslosigkeit und ihrer Stresswirkung ist individuell unterschiedlich.

Zu den Gesundheitsressourcen zählen beispielsweise Selbstbewusstsein, Widerstandsfähigkeit und die Einbindung in soziale Netzwerke, die in der Lage sind, den durch die Arbeitslosigkeit entstehenden psychosozialen Stress zu mindern. Zu den psychosozialen Faktoren, die Einfluss auf die individuellen Reaktions- und Bewältigungsmuster haben, zählen beispielsweise

  • Lebensalter,
  • Qualifikation,
  • Familienstand,
  • finanzielle Situation,
  • sozioökonomischer Status,
  • subjektive Arbeitsplatzorientierung,
  • Dauer der Arbeitslosigkeit,
  • Copingfähigkeiten,
  • Stresstoleranz,
  • Persönlichkeit,
  • vorhandene soziale Unterstützung sowie
  • frühere Arbeitssituationen und das vorherige Erleben von Arbeitsplatzunsicherheit (Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit o.J.a).

Die Kombination von mehreren negativ wirkenden Faktoren, wie beispielsweise eine starke Arbeitsorientierung, eine lang andauernde Arbeitslosigkeit und eine schlechte finanzielle Situation, kann die negativen gesundheitlichen Auswirkungen verstärken. Über diese Faktoren kann auch erklärt werden, warum Männer stärker als Frauen oder Langzeitarbeitslose stärker als kurzzeitig Arbeitslose unter psychischen Belastungen der Arbeitslosigkeit leiden (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007).

Die Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten sind häufig bereits vor Eintritt der Arbeitslosigkeit durch Verausgabung im Berufsleben und durch Erschöpfung eingeschränkt. Verstärkend wirkt sich ein riskanter Lebensstil mit kritischem Suchtmittel- und Medikamentenkonsum, Erholungsunfähigkeit, mangelnden kulturellen Aktivitäten, ungesunder Ernährung und fehlender Bewegung aus (Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit des Landes Nordrhein-Westfalen 2011). Der Gesundheitszustand, das individuelle Gesundheitsverhalten und die Bewältigungsressourcen verschlechtern sich im Verlauf der Arbeitslosigkeit (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 2007).

Bedeutung sozialer Netzwerke

Die sozialen Ressourcen nehmen beim Umgang mit der unfreiwilligen Situation der Arbeitslosigkeit einen hohen Stellenwert ein: Die Bewältigung eines Arbeitsplatzverlustes wird von den Betroffenen, die über ein Netzwerk sozial unterstützt werden, erfolgreicher gestaltet (Schwarzer et al. 1994). Dabei lassen sich die durch den Verlust des Arbeitsplatzes entstehenden Belastungen nicht vollständig von sozialen Netzwerken auffangen, jedoch können sie abgemildert werden (Stuckler et al. 2009).

Die GEDA-Studie 2009 (Gesundheit in Deutschland aktuell) zeigt allerdings, dass die soziale Unterstützung von Arbeitslosen im Vergleich zu Erwerbstätigen geringer ausfällt (Kroll, Lampert 2011). Dies korreliert mit dem Auftreten von körperlichen und seelischen Beschwerden, die von Arbeitslosen deutlich häufiger berichtet werden. Insbesondere arbeitslose Frauen mit geringer sozialer Unterstützung sind betroffen. In Folge von Langzeitarbeitslosigkeit nehmen die sozialen Beziehungen ab, die Betroffenen isolieren sich zunehmend und ziehen sich in die Familie zurück (Hollederer 2009). Diese Tendenz tritt besonders stark bei Personen auf, die sich während ihrer Arbeitstätigkeit sehr stark mit ihrem Arbeitsplatz identifiziert haben.

Können sowohl Arbeitslose als auch Erwerbstätige auf ein soziales Netzwerk zurückgreifen, das ihnen Unterstützung bietet, haben sie ein verringertes Risiko für und eine kürzere Dauer von Beschwerden (Kroll, Lampert 2011). Dementsprechend wird empfohlen, sich verstärkt in außerberuflichen Netzwerken zu engagieren, um sozialer Isolation vorzubeugen.