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Qualitätsdimensionen in der Gesundheitsförderung und Prävention: Planungs-, Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität

Der amerikanische Professor für Public Health Avedis Donabedian war einer der ersten, der den Qualitätsbegriff auf den Gesundheitsbereich übertragen hat - seinerzeit noch mit Blick auf die medizinische und pflegerische Versorgung. Von ihm stammt die Unterteilung in Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität (Donabedian 1966), die sich auch für die Gesundheitsförderung eignet, hier aber durch einen vierten Aspekt, die Planungs-/Konzept-/Assessmentqualität ergänzt wird (Ruckstuhl et al. 2001).

Qualitätsdimensionen. Eigene Darstellung in Anlehnung an Ruckstuhl et al. 2001

Planung

Planungsqualität
Die Planungs- oder Konzeptqualität (auch "Assessmentqualität") bezieht sich unter anderem auf diese Fragen:

  • Ist der Bedarf sachlich dargestellt?
  • Sind die Bedürfnisse der Zielgruppe erfasst?
  • Sind die Vorerfahrungen aus anderen Projekten angemessen berücksichtigt?
  • Sind die wissenschaftlichen Grundlagen aufbereitet und wurde die Intervention theoriegestützt entwickelt?

So ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, wie sich Ältere generell zu mehr Bewegung motivieren lassen, oder was die allgemeinen Wünsche von Seniorinnen und Senioren in Bezug auf Bewegung sind. Modelle guter Praxis dienen als Erfahrungsbasis, auf die sich das eigene Angebot stützen kann. Bei solchen vorbildhaften Modellen ist für die Planungsqualität auch bedeutsam, ob der entsprechende Kontext dem der eigenen Intervention entspricht oder ähnlich ist. Das, was in Garmisch-Partenkirchen erfolgreich etabliert werden konnte, kann in Wanne-Eickel scheitern, weil der Kontext ein gänzlich anderer ist. Eine kritische Reflexion der möglichen Übertragbarkeit ist deshalb besonders wichtig (Broesskamp-Stone 2009).

Strukturqualität
Strukturqualität bezieht sich auf die Rahmenbedingungen eines Gesundheitsangebotes, also zum Beispiel auf die personelle, technische oder finanzielle Ausstattung. Auch räumliche Gegebenheiten sind wichtig. Sind die Räume für einen Entspannungskurs groß genug? Ist das Personal ausreichend qualifiziert? Auf diese Aspekte legen die gesetzlichen Krankenkassen großen Wert, wenn sie Maßnahmen nach § 20 SGB V anbieten. Der Aspekt der Strukturqualität bezieht sich aber auch auf die administrativen, gesetzlichen und organisatorischen Bedingungen. So müssen zum Beispiel in der schulischen Gesundheitsförderung Maßnahmen nicht nur mit dem Curriculum, sondern auch mit den bildungspolitischen Vorgaben abgestimmt werden.

Prozessqualität
Prozessqualität bezieht sich auf die Umsetzung einer Intervention oder eines Angebotes. Es wird zum Beispiel bewertet, ob eine Rückenschule oder ein Yogakurs  wie geplant umgesetzt werden. Vorab ist also festzulegen, wie eine Maßnahme implementiert werden soll - zum Beispiel in einem detaillierten Ablaufplan oder einem Handbuch. Auch der Umsetzungsprozess muss systematisch dokumentiert werden (zum Beispiel mit Dokumentationsbögen). Der Begriff der Prozessqualität ist eng verwandt mit dem der formativen Evaluation beziehungsweise Prozessevaluation. In der medizinischen Versorgung lässt sich zum Beispiel erfassen, ob eine medizinische Behandlung entsprechend der Leitlinie einer Fachgesellschaft erfolgt. In der Gesundheitsförderung gibt es solche Leitlinien aber nicht. Deshalb ist es umso bedeutsamer, die Umsetzungsschritte schriftlich zu fixieren, indem zum Beispiel bei einem Bewegungskurs im Park festgelegt wird, was in welcher Stunde passiert.

Ergebnisqualität
Ergebnisqualität bezieht sich schließlich auf die Frage, ob mit der Intervention auch das erreicht wurde, was angestrebt war. Um die Ergebnisqualität zu überprüfen, ist es wichtig, sich vorab klar zu machen, welches das Ziel der Maßnahme ist und woran der Erfolg gemessen werden soll.

In der Gesundheitsförderung ist eine Orientierung an den so genannten "SMART"en Kriterien üblich. In der Abbildung wird das Akronym erläutert.

Die SMART-Kriterien der Zielformulierung. Eigene Darstellung in Anlehnung an quint-essenz Gesundheitsförderung Schweiz für Qualitätsentwicklung und Projektmanagement in Gesundheitsförderung und Prävention (2014) (http://www.quint-essenz.ch/de/topics/1133, Abruf: 03.02.2017)

SMART-Kriterien der Zielformulierung

Die Ergebnisqualität wird im Rahmen von Evaluationsstudien erhoben, die mehr oder weniger aufwändig sein können. Wir empfehlen hier die Zusammenarbeit mit Universitäten und Fachhochschulen, die über das entsprechende Know-how verfügen. Häufig kann zum Beispiel im Rahmen von Qualifikationsarbeiten oder Studierendenprojekten eine Evaluationsstudie durchgeführt werden. Aber auch mit einfachen Mitteln kann man erste Hinweise darauf bekommen, welche Effekte eine Maßnahme hat.

Das Zusammenwirken der Qualitätsdimensionen
Die vier Qualitätsdimensionen sind eng miteinander verbunden: Nur wenn das Angebot den tatsächlichen Bedarf berücksichtigt, die Bedürfnisse der Zielgruppe erfasst, die strukturellen Voraussetzungen angemessen sind und das Angebot wie geplant umgesetzt wird, sind die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass auch das angestrebte Ergebnis erreicht wird.

Planungs-/Konzept-/Assessmentqualität

  • Sind die Voraussetzungen für das Projekt geklärt?
  • Sind die Bedürfnisse der Zielgruppe bekannt?
  • Sind die Ziele klar benannt?
  • Stützt sich die Intervention auf vorhandene Theorien und Forschungsergebnisse?
  • Ist der Kontext der Intervention bedacht?
  • Wurde festgelegt, welche Effekte auf welcher Ebene zu erwarten sind?

Strukturqualität

  • Sind der organisatorische und institutionelle Rahmen angemessen?
  • Sind die personellen und finanziellen Ressourcen angemessen?
  • Gibt es eindeutige Aufgabenzuordnungen und Verantwortlichkeiten?

Prozessqualität

  • Wird das Projekt wie geplant umgesetzt?
  • Gibt es Probleme mit der Kommunikation oder dem Informationsfluss?
  • Welche Hindernisse lassen sich identifizieren?
  • Welche förderlichen Bedingungen lassen sich identifizieren?

Ergebnisqualität

  • Erreicht das Projekt die gesteckten Ziele?
  • In welchem Ausmaß werden die Ziele ereicht (Zielerreichungsgrad) und in welchen Bereichen?
  • Sind die Ergebnisse nachhaltig?