Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen
Ansprechperson
Dr. Udo Puteanus Fachgruppe Internationale Zusammenarbeit, Sozialpharmazie Tel.: 0251 7793-4218
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Projekte

Das LZG.NRW unterstützt die unteren Gesundheitsbehörden bei der Durchführung von sozialpharmazeutischen Projekten. Daneben werden in Absprache mit dem Gesundheitsministerium Nordrhein-Westfalen wissenschaftliche Projekte zur Arzneimitteltherapiesicherheit und  anwendungsforschung gefördert. Im Folgenden einige Beispiele aus jüngerer Zeit.


Benzodiazepin- und Z-Substanzverordnungen auf Kassen- und Privatrezept

Benzodiazepine und Z-Substanzen weisen ein Suchtpotenzial auf. Bei Z-Substanzen wird das Ausmaß noch diskutiert.

Benzodiazepinverordnungen zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind seit Jahren zurückgegangen. Trotzdem werden ca. 1,3 Mio. Medikamentenabhängige registriert, wovon ein Großteil von den genannten Arzneimitteln abhängig ist. Der Rückgang der Verordnungszahlen korreliert nicht mit Großhandelsverkaufsstatistiken, wie Untersuchungen zeigten. Vermutet wird, dass Verordnungen auf Privatrezept erfolgen.

Untersuchungsziel war, aktuelle Hinweise auf den Anteil der Benzodiazepin- und Z-Substanzverordnungen auf Kassen- und Privatrezept bei GKV-Versicherten in Nordrhein-Westfalen auf Basis von in Apotheken vorgelegten Rezepten zu erheben.

Teilnehmende Apotheken erfassten die Verordnungen. Im Jahr 2014 wurden arzneimitteltherapiesicherheitsqualifizierte Apotheken in Westfalen-Lippe (WL) schriftlich zur Teilnahme eingeladen. 2015 schrieben Amtsapothekerinnen und Amtsapotheker im Bezirk Nordrhein (NR) von ihnen ausgewählte Apotheken an und baten um freiwillige Mitarbeit. In 40 Apotheken (WL) beziehungsweise 105 Apotheken (NR) wurden die Verordnungen für je drei Monate dokumentierten. Erfasst wurden Substanzgruppe, Geschlecht, Altersgruppe und Versichertenstatus (gesetzlich/privat) sowie Verordnung auf Kassen- oder Privatrezept.

Ergebnisse: Ca. jeder vierte GKV-Versicherte erhielt ein Privatrezept. Der Anteil der Privatrezeptverordnungen für GKV-Versicherte schwankte zwischen Apotheken stark. Unterschiede gab es auch zwischen Nordrhein und Westfalen-Lippe.

Die vorliegende Studie ist eine nicht repräsentative Untersuchung des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit der Abteilung Klinische Pharmazie der Universität Münster und mit ausgewählten Apotheken. Frühere Untersuchungsergebnisse werden nicht bestätigt, wonach etwa die Hälfte aller Verordnungen auf Privatrezept erfolgte. Allerdings wurden in fast allen teilnehmenden Apotheken Privatrezepte von gesetzlich krankenversicherten Personen vorgelegt.

Um gezielt Maßnahmen zur Bekämpfung der Arzneimittelabhängigkeit ergreifen zu können, sollten Schwerpunkte auf Quartiersebene identifiziert werden, wo Hypnotikaverordnungen gehäuft vorkommen. Dazu ist neben den GKV-Rezepten auch die Erfassung von Privatrezepten notwendig, wie diese Untersuchung bestätigt. Es sind weitere apothekenbasierte Untersuchungen auf Ebene von Kreisen und kreisfreien Städten geplant.

Verordnungen von Benzodiazepinen und Z- Substanzen in NRW: Wie hoch ist der Privatrezeptanteil? (Poster)
Udo Puteanus und Theresia Rueter (LZG.NRW), A. Beigi und G. Hempel (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)


Selbstmedikation bei sozial Benachteiligten

Eine Befragung von Tafelnutzerinnen und Tafelnutzern durch den öffentlichen Gesundheitsdienst

Seit 2004 müssen nicht rezeptpflichtige Arzneimittel bis auf wenige Ausnahmen von den gesetzlich Krankenversicherten selbst bezahlt werden. Sozial benachteiligte Menschen können sich Arzneimittel im Rahmen der Selbstmedikation nicht immer leisten. Sie sind dabei auf Unterstützung angewiesen oder verzichten auf die Selbstmedikation.

Ziel der Untersuchung war es, in Erfahrung zu bringen, in welchem Ausmaß sozial Benachteiligte Selbstmedikation vermeiden und auf welche Arzneimittel am ehesten verzichtet wird. Dazu führte das LZG.NRW in Kooperation mit unteren Gesundheitsbehörden und Organisationen von Tafeln im Jahr 2012 eine Befragung von Betroffenen durch, die berechtigt sind, an Tafeln Produkte des täglichen Bedarfs zu beziehen. Geklärt werden sollte, inwieweit sie in den vergangenen 12 Monaten Selbstmedikationsarzneimittel bezogen hatten beziehungsweise wie oft sie darauf aus finanziellen Gründen verzichten mussten. Dazu lagen Erhebungsbögen in Ausgabestellen von "Tafeln" der Städte Düren, Unna, Münster und Neuss aus.

Ergebnisse: Es konnten 391 Erhebungsbögen ausgewertet werden. Mehr als zwei Drittel der Erhebungsbögen wurde von Frauen ausgefüllt. Am häufigsten wurden Selbstmedikationsarzneimittel gegen Schmerzen und Fieber, Nasentropfen und Mittel gegen Magenbeschwerden gekauft. Aus finanziellen Gründen wurden aber auch auf den Kauf von Arzneimitteln aus diesen Arzneigruppen am häufigsten verzichtet.

Schlussfolgerung: Sozial Benachteiligte kaufen sich Arzneimittel im Rahmen der Selbstmedikation, solange sie es sich finanziell leisten können. Allerdings zeigt die Untersuchung auch, dass Verzicht geübt wird, wenn das Geld nicht reicht. In der Zukunft muss untersucht werden, was dieser Verzicht für die Gesundheit des Einzelnen und für seine Lebensqualität beziehungsweise für die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt bedeutet. Außerdem ist zu diskutieren, wie Menschen in prekären Lebensverhältnissen in die Lage versetzt werden können, ihren Bedarf an notwendigen Arzneimitteln der Selbstmedikation zu decken.

Selbstmedikation bei sozial Benachteiligten. Eine Befragung bei Tafelnutzerinnen und -nutzern
Dr. Udo Puteanus, LZG.NRW


Pharmakovigilanz in Apotheken

Apothekerinnen und Apotheker in öffentlichen Apotheken haben wie andere Heilberufler im Spontanmeldesystem zu unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) eine wichtige Funktion. Ziel der Untersuchung war es, festzustellen, inwieweit die Apothekerinnen und Apotheker in öffentlichen Apotheken über die Pharmakovigilanz informiert sind und inwiefern sie sich in das Spontanmeldesystem einbringen und einen aktiven Beitrag zur Arzneimittelsicherheit leisten. Mögliche Mängel bei der Meldung von Arzneimittelrisiken sollten aufgedeckt werden.

Dazu wurden in öffentlichen Apotheken in Nordrhein-Westfalen (NRW) über einen Zeitraum von zwölf Monaten vom öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) im Rahmen der Apothekenüberwachung durch ein strukturiertes Gespräch mit den Apothekenleiterinnen und Apothekenleitern unter Verwendung eines Fragebogens Daten zu den Pharmakovigilanz-Aktivitäten erhoben.

Ergebnisse: Insgesamt wurden 232 öffentliche Apotheken hinsichtlich des Pharmakovigilanzsystems näher betrachtet. Dabei zeigte sich, dass in einigen öffentlichen Apotheken die Pharmakovigilanz-Aktivitäten verbessert werden können. Obschon die Meldezahlen seitens der Apotheken in den letzten Jahren insgesamt angestiegen sind, beteiligen sich einige Apotheken noch nicht aktiv am Spontanmeldesystem. Auch im Bereich der Qualität der Meldungen gibt es Verbesserungsmöglichkeiten. Schulungen und Aufklärung auf dem Gebiet der Pharmakovigilanz sind notwendig, damit Apotheken noch besser als bisher ihren wichtigen Beitrag zur Arzneimittelsicherheit leisten.


Multimedikation im Alter: Versorgungsrealität und Leitlinienempfehlungen

Mit zunehmendem Alter steigt die Häufigkeit von Multimorbidität, die in der Regel auch Multimedikation (MM) nach sich zieht. Die Hausärztliche Leitlinie Multimedikation zeigt die mit der Einnahme zahlreicher Medikamente - insbesondere bei älteren Menschen - verbundenen Probleme auf und gibt Empfehlungen zur Reduzierung von Multimedikation. Routinedaten der gesetzlichen Krankenversicherung sind eine Informationsquelle, um Umfang und Art der Multimedikation bei älteren Patienten zu analysieren und Handlungsempfehlungen für die Gesundheitsversorgung daraus abzuleiten.

Das LZG.NRW förderte die PMV forschungsgruppe der Universität Köln bei der Durchführung einer Studie zur Untersuchung von Multimedikation (≥ 5 verordnete Wirkstoffe innerhalb von 91 Tagen) bei in Nordrhein-Westfalen lebenden Versicherten ab 65 Jahre, versichert bei der AOK Nordwest und der AOK Rheinland/Hamburg. Versicherte mit Pflegeleistung an einem Zufallsstichtag in 2012 wurden mit einer viermal so großen Kontrollgruppe ohne Pflegeleistung, geschichtet nach 5-Jahres-Altersgruppen und Geschlecht, verglichen.

Ergebnisse: Multimedikation war bei den älteren Versicherten ab 65 Jahre sehr häufig: 45 % bei Patienten ohne Pflegeleistung (oP), 72 % bei Patienten mit Pflegeleistung (mP). Potentiell problematische Wirkstoffe waren bei Patienten mit Multimedikation und insbesondere bei Patienten mit Pflege überproportional häufig verordnet, zum Beispiel Antipsychotika 4,2 % (oP), 22,7 % (mP), Wirkstoffe der PRISCUS-Liste: 6,0 % (oP/ohne MM), 21,4 % (oP/mit MM), 25,3 % (mP/mit MM).

Multimedikation ist bei älteren Patienten schon aufgrund der ärztlich verordneten Medikamente sehr häufig, und potentiell problematische Wirkstoffe spielen dabei eine relevante Rolle. Wegen des damit verbundenen hohen Risikos für unerwünschte Arzneimittelwirkungen durch Interaktionen, Anwendungsfehler und Complianceproblemen sind Maßnahmen zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit unerlässlich.

Zur Optimierung der Arzneimitteltherapie von Patienten mit Multimedikation – also einem wesentlichen Teil älterer Patienten, insbesondere älterer Patienten mit Pflege – ist das Zusammenwirken aller Beteiligten in der Gesundheitsversorgung notwendig. Außerdem muss auf die Mitwirkung des Patienten selbst hingearbeitet werden.

Lappe V, Ihle P, Schubert I: externer Link Multimedikation bei älteren GKV-Versicherten mit Pflegeleistungen im Vergleich zu Versicherten ohne Pflege. Das Gesundheitswesen 77 (2015), Nr. 8/9.


Qualität der Arzneimittelversorgung in Krankenhäusern (QuAK)

Für Fehler in der Arzneimittelversorgung im Krankenhaus zum Zeitpunkt nach der Verordnung durch Ärzte kann es verschiedene Gründe geben. So können beim Stellen der Medikamente falsche Arzneimittel oder eine falsche Dosierung ausgewählt werden, oder eine korrekte Anwendungsvorschrift wird nicht beachtet. Zudem kann es zu Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln oder Nahrungsmitteln kommen. Die Qualität und die damit verbundene Wirksamkeit eines Arzneimittels kann auch durch eine falsche Lagerung beeinflusst werden. Diese Medikationsfehler führen gegebenenfalls zu unerwünschten Arzneimittelereignissen, die vermeidbar sind. Um festzustellen, welche Probleme bei der Arzneimittelversorgung in Krankenhäusern konkret vorliegen, führten einige untere Gesundheitsbehörden mit Unterstützung des LZG.NRW eine Untersuchung durch.

Mit einer systematischen, nicht repräsentativen Erhebung konnten Probleme, die beim Umgang mit Arzneimitteln in Krankenhäusern entstehen, identifiziert und ausgewertet werden. Dabei wurde die Arzneimittelversorgung von der Verordnung, der Lagerung, dem Stellen, der Dokumentation und der Vergabe bis hin zur Applikation des Arzneimittels betrachtet. Die Datenerfassung in den Krankenhäusern erfolgte in der Regel im Rahmen einer Überwachungsmaßnahme. In einem Zeitabschnitt von neun Monaten wurden stichprobenartig die Voraussetzungen für die Anwendung der Arzneimittel sowie die gestellten Arzneimittel von Patienten mit den Verordnungen verglichen und Differenzen/Mängel dokumentiert. Die erhobenen Daten wurden anschließend im LZG.NRW ausgewertet.

Ergebnisse: Insgesamt wurden in 31 Krankenhäusern in NRW 67 verschiedene Stationen aufgesucht und Medikationsdaten von 194 Patienten näher betrachtet. Es konnten unterschiedliche Probleme mit unterschiedlichen Risiken für die Patienten identifiziert werden. Die Lagerbedingungen für die Arzneimittel wurden in den Krankenhäusern nicht konsequent eingehalten, zum Beispiel wurde die lichtgeschützte Lagerung zum Teil nicht beachtet.

Auf 19 % der Stationen können die Pflegefachkräfte die Arzneimittel nicht in einem abgeschlossenen Raum und weitgehend ungestört zur Abgabe vorbereiten. Die Richtigkeit der gestellten Arzneimittel wird nur in 51 % der Fälle unmittelbar durch eine weitere Person im Vier-Augen-Prinzip kontrolliert. In zwei Fällen wurde ein falsches Arzneimittel gestellt, neunmal ein verordnetes Arzneimittel nicht gestellt und dreimal ein überzähliges Arzneimittel gestellt. In sechs Fällen erfolgte keine korrekte Dosierung des entsprechenden Arzneimittels. Eine inkorrekte Tablettenteilung wurde in fünf Fällen festgestellt. Es wurde in insgesamt 79 Fällen festgestellt, dass ein falscher Einnahmezeitpunkt für das entsprechende Arzneimittel gewählt wurde. Auf sechs Prozent der Stationen wurden die Arzneimittel mehr als 48 Stunden vor der Vergabe vorbereitet, wodurch die Qualität der Arzneimittel nicht in allen Fällen umfassend gewährleistet werden kann. Ungefähr die Hälfte der eingenommenen Arzneimittel wurde zudem geteilt. Zwingend erforderlich war allerdings die Teilung wiederum nur bei der Hälfte der geteilten Tabletten. Es wurden zudem Mängel in der Dokumentation der Arzneimitteltherapie festgestellt.

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass in den Krankenhäusern Medikationsfehler vorkommen, die durch entsprechende Maßnahmen vermieden werden können und folglich die Arzneimittelsicherheit gesteigert wird.

Wiegard A, Puteanus U: externer Link Wie steht es um die Qualität des Medikationsprozesses? Pharmazeutische Zeitung online (2015), Nr. 39