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Demenz

"Demenzen gehören zu den häufigsten und folgenreichsten psychiatrischen Erkrankungen im höheren Alter. [...] Insbesondere können Gedächtnis, Denken, Orientierung, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen beeinträchtigt sein. Die kognitiven Einbußen werden meist von einem Verlust der emotionalen Kontrolle und der Motivation sowie von Veränderungen des Sozialverhaltens begleitet." [RKI 2006, S. 33].

Man unterscheidet zwischen primären und sekundären Demenzformen, wobei die primären Demenzen (Untergang von Nervenzellen und/oder Erkrankung der Blutgefäße direkt im Gehirn) mit einem Anteil von 85-90 % die häufigsten Demenzformen umfassen. In diese Kategorie fallen die Alzheimer-Demenz, die mit 50 bis 75 % am häufigsten vorkommt [Doblhammer et al. 2012, Reith & Mühl-Benninghaus 2015] und die vaskuläre, also gefäßbedingte Demenz sowie Mischformen der Demenz. Primäre Demenzen sind in der Regel irreversibel. Die selteneren sekundären Demenzen (Demenz als Folge einer anderen Erkrankung) werden beispielsweise durch stoffwechselbedingte Störungen, Infektionen, Mangelzustände oder Vergiftungen ausgelöst [Doblhammer et al. 2012, Reith & Mühl-Benninghaus 2015]. Zu den Krankheiten, die einer sekundären Demenz zugrunde liegen können, gehören etwa die Parkinson-Krankheit, Chorea Huntington oder Abflussstörungen von Nervenwasser, die zu Druck auf das Gehirn führen. Sekundäre Demenzen können in den Fällen reversibel sein, in denen die Grunderkrankung erfolgreich behandelt werden kann.

Entsprechend der Bandbreite an Demenzformen gibt es in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) verschiedene Diagnoseschlüssel für eine Demenz. Die nordrhein-westfälischen Daten in diesem Kapitel beziehen sich auf die entsprechenden Diagnoseschlüssel in dem ICD-10-Kapitel Psychische und Verhaltensstörungen (ICD-10: F00 bis F03). Es werden schwerpunktmäßig Daten aus dem ambulanten Behandlungsgeschehen dargestellt. Dabei handelt es sich um Sekundärdaten, die ursprünglich für Abrechnungszwecke der Behandlungen von GKV-Versicherten generiert wurden. Diese Daten ermöglichen eine Analyse der gesetzlich versicherten nordrhein-westfälischen Bevölkerung, geben aber keine Hinweise zur Diagnostik und Validität der gestellten Diagnosen [Kaduszkiewicz et al. 2014]. Dies ist insbesondere bei der Demenz relevant, da diese häufig schleichend beginnt und die Unterscheidung zwischen normalen kognitiven Alterungsprozessen und einer demenziellen Erkrankung erschwert. Außerdem stellt die Demenz eine schwerwiegende Diagnose dar, bei der Hausärztinnen und Hausärzte wie auch Psychiaterinnen und Psychiater gegebenenfalls Zurückhaltung üben.

Eine Demenzdiagnose ist mit sehr weitreichenden Konsequenzen für die Betroffenen verbunden, wie zum Beispiel der Gefahr einer Stigmatisierung im sozialen Umfeld oder auch mit möglichen juristischen Folgen, die berücksichtigt werden müssen (zum Beispiel Vorsorgevollmacht, erbrechtliche Besonderheiten, Fahrtauglichkeit). Diese Einschätzung wird auch durch Ergebnisse einer bundesweiten Befragung zum Wissen und zur Einstellung der Bevölkerung zu Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen unterstützt. Drei Viertel der Befragten gaben an, die Vorstellung an Demenz zu erkranken als bedrohlich zu empfinden [Kofahl et al. 2013]. Neben den weitreichenden Konsequenzen, die die Erkrankung mit sich bringen kann, wird sie auch deshalb oft als bedrohlich empfunden, da kaum Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und auch die Symptome der Demenz nur eingeschränkt durch Medikamente oder andere Therapiemaßnahmen beeinflusst werden können.

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Abbildung 1: Ambulante Behandlungshäufigkeit von Demenz (ICD-10: F00-F03) in Prozent, nach Alter und Geschlecht, Nordrhein-Westfalen, 2015. KV Nordrhein und Westfalen-Lippe, LZG.NRW

Unter den Mitgliedern der gesetzlichen Krankenversicherungen in Nordrhein-Westfalen wurden 2015 insgesamt rund 450.000 Personen ambulant wegen einer Demenz behandelt. Davon waren über 420.000 Frauen und Männer 65 Jahre und älter. Während unter den 65- bis 69-Jährigen etwa 2,0 % aufgrund einer Demenz behandelt wurden, liegt der Anteil bei den 85-Jährigen und Älteren bei 35,4 %. Diese Zahlen sind in etwa vergleichbar mit den Erkrankungshäufigkeiten in Deutschland und Europa, liegen jedoch in allen Altersgruppen inzwischen einige Prozentpunkte höher als in den Vergleichsstudien von 2007 beziehungsweise 2012 [Alzheimer Europe 2013, Doblhammer et al. 2012].

Die Häufigkeit von ambulant behandelten Demenzen verdoppelt sich bei älteren Frauen von einer Altersgruppe zur nächsten. Bei Männern ist der Anstieg etwas geringer (siehe Abbildung 1). Dieser Geschlechterunterschied wurde auch in anderen Untersuchungen beobachtet [Doblhammer et al. 2012]. Gründe für die höhere Erkrankungshäufigkeit der Frauen sind unbekannt, ein Aspekt dürfte die geringere Lebenserwartung der Männer sein. Durch die in jüngeren Altersgruppen höhere Sterblichkeit der Männer könnte es zu einer positiven Selektion gesunder Männer kommen, die aufgrund ihrer Konstitution auch seltener an einer Demenz erkranken [Doblhammer et al. 2012].

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Abbildung 2: Ambulante Behandlungshäufigkeit der Demenz (ICD-10: F00-F03) in der Bevölkerung 65 Jahre und älter in Prozent, rohe und altersstandardisierte Rate, Nordrhein-Westfalen, 2006-2015. KV Nordrhein und Westfalen-Lippe, LZG.NRW

Im zeitlichen Verlauf lässt sich ein Anstieg der absoluten Häufigkeit von ambulanten Demenzbehandlungen feststellen. Im Jahr 2015 wurden gegenüber 2006 35,6 % mehr 65-Jährige und Ältere wegen einer Demenz ambulant behandelt, die rohe ambulante Behandlungshäufigkeit stieg von 8,5 % in 2006 auf 11,6 % in 2015 (siehe Abbildung 2). Diese Zahlen verdeutlichen, dass der Versorgungsbedarf von Demenzpatientinnen und -patienten in Nordrhein-Westfalen zunimmt. Sie sind allerdings irreführend, wenn man beurteilen möchte, ob die ältere Bevölkerung auch häufiger als früher an Demenz erkrankt. Da die Demenz eine Erkrankung des höheren Alters ist, ist die dargestellte Zunahme durch den demografischen Wandel, das heißt durch die kontinuierliche Zunahme der Zahl älterer Menschen, beeinflusst. Wenn man die ambulanten Behandlungsraten mit der Methode der Altersstandardisierung um diesen Alterseffekt bereinigt, zeigt sich, dass die standardisierte Rate in Nordrhein-Westfalen unter den 65-Jährigen und Älteren mit 7,7 % bis 7,9 % im zeitlichen Verlauf in etwa konstant bleibt und erst ab 2013 leicht angestiegen ist (siehe Abbildung 2). Durch die steigende Lebenserwartung und die größere Anzahl an älteren Menschen der geburtenstarken Jahrgänge kommt es dennoch zu einer versorgungspolitisch bedeutsamen Zunahme der absoluten Fallzahl an Demenzerkrankten in Nordrhein-Westfalen. Diese Zunahme bedeutet unter anderem auch, dass immer mehr Krankenhauspatientinnen und -patienten dement sind und eine daran angepasste Versorgung benötigen [Hendlmeier et al. 2018]. Die Beobachtung einer Zunahme absoluter Fallzahlen bei relativ konstanten standardisierten Raten findet sich auch in internationalen Analysen wieder [zum Beispiel Prince et al. 2016].

Studien zu Demenz-Neuerkrankungen kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass der Anteil an Neuerkrankungen jenseits des 65. Lebensjahres mit zunehmendem Alter deutlich ansteigt. Die Spannweite der Neuerkrankungsrate, errechnet anhand verschiedener Daten der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland, liegt zwischen unter 1 % bei den 65- bis 74-Jährigen und etwa 10 % bei den 95-Jährigen und Älteren [Doblhammer et al. 2012]. Aussagen zur zeitlichen Entwicklung der altersstandardisierten Neuerkrankungsrate sind jedoch uneinheitlich und schwanken international zwischen einer über die Jahre gleichbleibend stabilen Neuerkrankungsrate bis hin zu einer leichten Abnahme [Prince et al. 2016].

Die deutliche Altersabhängigkeit der Erkrankung führt zu der Annahme, dass mit einer starken Zunahme der Demenzkranken in den nächsten Jahrzehnten zu rechnen ist. Man geht in Deutschland von einem 40- bis 100-prozentigen Anstieg der Anzahl demenzkranker Personen bis zum Jahr 2050 aus [Doblhammer et al. 2012]. Für die Prognosen werden die zukünftige Altersstruktur sowie unterschiedliche Szenarien der Entwicklung der Lebenserwartung und der altersspezifischen Erkrankungshäufigkeit an Demenz berücksichtigt. Der Anstieg der absoluten Fallzahlen in den kommenden Jahrzehnten ist insbesondere durch die Babyboomer-Generation begründet, die demnächst nach und nach das Rentenalter erreichen wird. Außerdem beeinflusst eine voraussichtlich weiterhin steigende Lebenserwartung die absolute Zunahme von Demenz in der Bevölkerung.

In Bezug auf die Sterblichkeit demenzkranker Personen zeigen deutschlandweite Daten der gesetzlichen Krankenversicherungen, dass an Demenz erkrankte Personen eine höhere Sterblichkeit aufweisen als Personen ohne Demenz in der gleichen Altersgruppe - ein Unterschied, der jedoch in den höheren Altersgruppen geringer wird. Drei Jahre nach Diagnosestellung versterben 30 bis 40 % der an Demenz erkrankten Personen [Doblhammer et al. 2012].

Deutschlandweit hatte entsprechend einer aktuellen Befragung knapp die Hälfte der Erwachsenen schon einmal Kontakt zu einer an Demenz erkrankten Person. Ein Viertel dieser Personen war direkt in die Pflege involviert [Kofahl et al. 2013].

Fortschreibung des Bevölkerungsstandes. Landesbetrieb Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW).

Statistik der ambulanten Behandlungsdiagnosen. KV Nordrhein und KV Westfalen-Lippe.

Alzheimer Europe: Dementia in Europe Yearbook 2013. Luxembourg: Alzheimer Europe 2013.

Doblhammer G, Schulz A, Steinberg J, et al.: Demografie der Demenz. Bern: Hans Huber 2012.

Hendlmeier I, Bickel H, Hessler JB, et al.: Dementia friendly care services in general hospitals: Representative results of the general hospital study (GHoSt)]. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie. 51 (2018), Nr. 5, S. 509-516.

Kaduszkiewicz H, Wiese B, Steinmann S, et al.: Diagnosestellung und Diagnosecodierung von Demenzen im Spiegel der Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung. Psychiatrische Praxis. 41 (2014), Nr. 6, S. 319-323.

Kofahl C, Lüdecke D, Schalk B, et al.: Was weiß und denkt die Bevölkerung über Alzheimer und andere Demenzerkrankungen? In: Böcken J, Braun B, Repschläger U (Hrsg.): Gesundheitsmonitor 2013. Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung 2013, S. 39-62.

Prince M, Ali GC, Guerchet M, et al.: Recent global trends in the prevalence and incidence of dementia, and survival with dementia. Alzheimer's Research & Therapy. 8 (2016), Nr. 1, S. 23.

Reith W, Mühl-Benninghaus R: Differenzialdiagnose demenzieller Erkrankungen. Radiologe. 55 (2015), Nr. 5, S. 378-385.

Robert Koch-Institut (RKI) (Hrsg.): Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin: Robert Koch-Institut 2006.