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Bedeutung von Gesundheitsförderung und Prävention

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Abbildung 1: Vereinfachte Darstellung des Soll-Zustandes der einzelnen Versorgungssegmente des Gesundheitssystems (Eigene Darstellung nach Hurrelmann et al. 2004)

Das Thema "Gesundheitsförderung und Prävention im Alter" hat seit den 1990er Jahren international wie national an Bedeutung gewonnen. Dies ist zum einen auf die demografische Entwicklung und den medizinisch-technischen Fortschritt zurückzuführen, die wachsende Versorgungsbedarfe nach sich ziehen. Zum anderen leitet sich aus mittel- und langfristigen Finanzierungsrisiken des Gesundheitssystems Handlungsbedarf ab (Walter 2008).

Ansätze von Gesundheitsförderung und Prävention setzten dabei nicht nur lange vor der Kuration/Therapie, Rehabilitation und Pflege ein, sondern ziehen sich durch alle der genannten Versorgungssegmente. Gesundheitsförderliche und präventive Maßnahmen sind demnach auch bei der Zielgruppe der Älteren sehr wichtig (siehe Abbildung 1).

In der Gruppe der älteren Menschen zeigen sich bei den meisten behandlungsbedürftigen Krankheitsgruppen (Herz-Kreislauferkrankungen, Krankheiten des Bewegungsapparates, Sturzunfälle, bösartige Neubildungen, psychische Erkrankungen) höhere Prävalenz- und Inzidenzraten als bei jüngeren Menschen. Und auch das Auftreten von Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität) nimmt im Alter stark zu, ebenso die entsprechende Einnahme zahlreicher Medikamente. Dennoch ist Alter nicht mit Krankheit und Pflegebedürftigkeit gleichzusetzen. Im Gegenteil: Gesundheit kann in jedem Alter gefördert werden, und die Potenziale sind für ältere Menschen noch nicht ausgeschöpft (Sachverständigenrat 2009).

Literatur-Button
Kruse (1999):  Regeln für ein gesundes Älterwerden. Anlässlich des Weltgesundheitstages 1999. Bundesvereinigung für Prävention und Gesundheitsförderung e. V.
(Abruf: 26.08.2015)

Durch erfolgreiche Gesundheitsförderung steigt, neben der Chance auf ein längeres Leben, vor allem auch die Aussicht auf möglichst viele Jahre in guter Gesundheit. Chronische Erkrankungen im Alter können verhindert oder ihr Ausbruch verzögert werden. Gesundheit ist nicht ausschließlich auf "Freisein von Krankheit" zu beziehen, sondern auch auf die Verwirklichung individueller Bedürfnisse und Werte, auf Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden sowie auf Kompetenzüberzeugungen und Bewältigungsstrategien (Kruse 2007). Gesundheitsförderung kann demnach auch in den Bereichen Kuration/Therapie, Rehabilitation und Pflege Erfolge erzielen.

Gesundheitsförderung und Prävention sind auch bei schon vorhandenen Einschränkungen enorm wichtig. So können Mobilität erhalten, Selbständigkeit und Teilhabe im Alltag unterstützt und die Entstehung von Pflegebedürftigkeit hinausgezögert werden. Ziel ist dabei nicht die völlige Vermeidung von Erkrankungen, sondern krankheitsbedingte Auswirkungen zu lindern, den Ausbruch neuer Erkrankungen zu vermeiden und/oder ein Leben mit Krankheit zu erlernen. Darüber hinaus soll eine Grundlage geschaffen werden, die zusätzlichen Lebensjahre mit einer möglichst hohen Lebensqualität zu erleben. Gruppen mit besonders hohem Präventionspotenzial sind:

  • Beschäftigte in höherem Lebensalter mit geringem Verdienst,
  • ältere Arbeitslose,
  • Menschen im Rentenalter mit geringen Rentenbezügen,
  • ältere Frauen und besonders auch ältere Männer mit Migrationshintergrund,
  • alleinstehende ältere Menschen mit geringer sozialer Einbindung,
  • Pflegebedürftigkeit und ältere Menschen mit Behinderung (Altgeld 2009, S. 222).

Anhand der aufgeführten Gruppen mit hohem Präventionspotenzial wird deutlich: Das Alter ist heterogen. Die Bedarfslagen älterer Männer und Frauen sind zum Teil von erheblichen Unterschieden geprägt. Geschlecht, kultureller Hintergrund, die soziale Lage, der ökonomische oder der Bildungsstatus haben Einfluss auf die Lebenssituation und den Gesundheitszustand Älterer und führen zu divergierenden Bedürfnissen und Bedarfen.

Ältere Migrantinnen und Migranten
Menschen mit Migrationshintergrund machen einen großen Teil der nordrhein-westfälischen Bevölkerung aus: Basierend auf den Daten des Zensus lebten in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2011 4.263.370 Menschen mit Migrationshintergrund. Gemessen an der Gesamtbevölkerung betrug ihr Anteil 24,5 %. Nordrhein-Westfalen lag damit 5 Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt (19,2 %) (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2014). 9 % der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist 65 Jahre und älter (MAIS 2014 S.11). Unter den in Deutschland lebenden Migrantinnen und Migranten schreitet - genau wie bei der deutschen Bevölkerung - der demografische Wandel stetig voran.

Die Herkunftsländer der in Nordrhein-Westfalen lebenden Menschen mit Migrationshintergrund sind mannigfaltig. Entsprechend ist die Zielgruppe hinsichtlich ihrer ethnischen, kulturellen und sprachlichen Vielfalt sehr heterogen und vulnerabel.

Ältere Migrantinnen und Migranten haben geringere Chancen auf ein gesundes Altern. Sie bewerten ihren Gesundheitszustand leicht schlechter als Gleichaltrige ohne Migrationshintergrund. Sie leiden vermehrt an Übergewicht und Adipositas und sind häufiger weniger als 2,5 Stunden pro Woche körperlich aktiv (LZG.NRW unveröffentlicht). Ein schlechterer Zugang zum Versorgungssystem, kulturelle Unterschiede im Gesundheits- und Krankheitsverständnis oder sprachliche Barrieren sind mit Ursachen für diese Ergebnisse. Eine umfassende und zielgruppenorientierte Gesundheitsförderung ist entsprechend der Problemlagen notwendig.

Im Gegenzug verfügen ältere Migrantinnen und Migranten über diverse Ressourcen, wie beispielsweise umfassende soziale Netzwerke (Familie, Freunde, Nachbarschaft), eine aktive Lebensgestaltung (zum Beispiel Pendeln zwischen Herkunfts- und Zielland) oder auch ihr Gesundheitsverhalten (beispielsweise geringer Substanzmittelkonsum), die für Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung genutzt und an denen angeknüpft werden kann.

zb buttIm Norden der Stadt Essen wurde vom Kreisverband Essen der Arbeiterwohlfahrt das Projekt "Gesundes Altern" etabliert. Ziel im Projekt ist es, ganzheitliche sowie lebensweltorientierte Angebote zur Gesundheitsprävention älterer Migrantinnen und Migranten sowie Aussiedlerinnen und Aussiedler zu schaffen. Die Selbsthilfestrukturen innerhalb der Gemeinschaften sollen gestärkt und die zugewanderten Senioren an die professionelle Pflege herangeführt werden. Erreicht werden diese Ziele über diverse Angebote, wie zum Beispiel türkisch-, arabisch- und russischsprechende Seniorengruppen, Sport- und Bewegungsgruppen, Selbsthilfegruppen oder interkulturelle Gesundheitstage.

Weitere Informationen zum Projekt "Gesundes Altern" (Abruf: 03.09.2015)

Sozial benachteiligte ältere Menschen
Armut erhöht die Gesundheitsrisiken für ältere Menschen erheblich. Geringe finanzielle Ressourcen erschweren nicht nur die Versorgung mit alltäglichen Dingen, sondern auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das gilt erst recht bei Erkrankungen oder Pflegebedürftigkeit.

Bisher sind ältere Menschen unterdurchschnittlich häufig von relativer Einkommensarmut bedroht, allerdings ist seit 2006 ein kontinuierlicher Anstieg der Armutsrisikoquote Älterer festzustellen. Im Jahr 2013 lag die Armutsrisikoquote der Menschen ab 65 Jahren in Nordrhein-Westfalen bei 13 % (Gesamtbevölkerung: 16 %). Auch zukünftig ist mit einer zunehmenden Verbreitung der Altersarmut zu rechnen (MAGS NRW o. J.).

In der Beurteilung des subjektiven Gesundheitszustands besteht ein signifikanter Unterschied zwischen armutsgefährdeten und nicht armutsgefährdeten Menschen ab 65 Jahren. 25,8 % der armutsgefährdeten Älteren waren 2008 nicht mit ihrem Gesundheitszustand zufrieden, im Vergleich zu 16,5 % nicht armutsgefährdeter Älterer (MAIS NRW 2012). Neben der sozialen Lage nehmen Aspekte wie Geschlecht, ethnischer Hintergrund und Bildung entscheidenden Einfluss auf den Gesundheitszustand.

Zu den sozial benachteiligten älteren Menschen zählen beispielsweise ältere Arbeitslose, Beschäftigte im höheren Lebensalter mit geringem Verdienst, Menschen mit geringen Rentenbezügen, aber auch ältere Frauen und Männer mit einem geringen Bildungsstand. So weisen Auswertungen darauf hin, "(...) dass die soziale Ungleichheit im Gesundheitszustand zwischen Personen hoher und niedriger Bildung mit dem Alter tendenziell noch zunimmt" (MAIS NRW 2012 S. 207).

Bei Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention, die sich speziell an sozial benachteiligte ältere Menschen richten, ist der Zielgruppenbezug bei der Entwicklung und Umsetzung von Konzepten demnach zentral.

zb buttMit dem Motto "Hier will ich bleiben" besteht das erklärte Ziel des Netzwerkes Märkisches Viertel e. V. darin, den Bewohnerinnen und Bewohnern im Märkischen Viertel so lange wie möglich ein selbstständiges Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen. Durch niedrigschwellige Beratungs-, Bildungs- und Präventionsangebote, soziale Dienste und kulturelle Aktivitäten unterstützen die Netzwerkpartner Seniorinnen und Senioren in ihrer Alltagsbewältigung. Darüber hinaus soll die engmaschige Vernetzung der Netzwerkpartner dazu dienen, Schnittstellen zu überwinden und soziale Problemlagen bei den Bewohnerinnen und Bewohnern frühzeitig erkennen und verbessern zu können.

Weitere Informationen zum Netzwerk Märkisches Viertel e. V. (Abruf: 03.09.2015)

Demenziell erkrankte ältere Menschen
Das Risiko, an Demenz zu erkranken, erhöht sich mit zunehmendem Alter. Nordrhein-Westfalen als das bevölkerungsreichste Bundesland hat mit mehr als 320.000 Betroffenen die höchste absolute Zahl an Demenzkranken in Deutschland (Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V. 2014). Bedingt durch den künftigen Anstieg des Anteils der über 65-Jährigen an der Bevölkerung und der steigenden Lebenserwartung wird eine weitere Zunahme der Demenzerkrankungen erwartet.

Demenz ist eine schwere Erkrankung, die das gewohnte Leben für Betroffene und Angehörige vollkommen auf den Kopf stellen kann. Insbesondere die im Krankheitsverlauf auftretenden und zunehmenden psychosozialen Beeinträchtigungen sind insbesondere für die Betreuenden eine große Belastung (Gesundheit Berlin-Brandenburg 2014). Trotz vieler Herausforderungen im Krankheitsverlauf kann es gelingen, mit dieser Erkrankung auch weiterhin am sozialen Leben teilzuhaben.

Demenz stellt die Akteurinnen und Akteure aus Gesundheitsförderung und Prävention vor große Herausforderungen. Komplexität und Größenordnung der Thematik legen dabei eine Kombination von Maßnahmen und Zugangswegen, professionellen und ehrenamtlichen Potenzialen nahe.

zb buttDer Verein Leben mit Demenz der Alzheimergesellschaft Kreis Minden-Lübbecke e. V. hat seit 2007 vielfältige Angebote für Menschen mit (Früh)-Demenz und ihre Familien geschaffen. Dazu zählen beispielsweise diverse Bewegungsangebote wie Schwimmen, Walken, Paddeln oder Fahrrad fahren in der Gruppe. Beim Treffpunkt Musik wird gemeinsam gesungen, musiziert oder es werden Konzerte besucht. Reisen, Halbtages-, Tages- und Wochenendveranstaltungen runden das Programm ab.

Weitere Informationen zu den Frühdemenzprojekten des Vereins "Leben mit Demenz" (Abruf: 03.09.2015)

Gender Mainstreaming (Geschlechtergerechtigkeit)
Gender Mainstreaming ist in allen Lebensphasen von grundlegender Bedeutung. Gesundheitsförderung im Sinne des Gender Mainstreaming beinhaltet, dass die Bedürfnisse beider Geschlechter ermittelt und in die Planung von Maßnahmen einbezogen werden (Lademann/Kolip 2008). Es besagt auch, dass Gesundheitsförderung in zwei Richtungen agiert. Zum einen erhalten Frauen und Männer beim Vorliegen derselben Bedürfnisse auch das gleiche Angebot (horizontale Chancengleichheit), zum anderen erhalten sie bei unterschiedlichen Bedürfnissen verschiedene Maßnahmen (vertikale Chancengleichheit) (Dahrouge et al. 2010, Lademann/Kolip 2008, Kolip 2008).

Vor dem Hintergrund der Geschlechtergerechtigkeit ist darauf zu achten, dass Gesundheitsförderung und Prävention von älteren Menschen immer auch unter geschlechtersensiblen Gesichtspunkten erfolgt. Diese sollten unter anderem auf folgende Inhalte abzielen:

  • Maßnahmen für sozial Benachteiligte sollten vor allem Frauen berücksichtigen,
  • Männer sollten zu einem Gesundheitsbewusstsein und einem gesünderen Lebensstil befähigt werden,
  • mehr Unterstützungsangebote für Menschen, die informelle Hilfe erbringen (hier sind besonders Frauen zu berücksichtigen), müssen geschaffen werden (Kruse 2002).

Ältere Frauen und Männer
Im Jahr 2013 lebten in Nordrhein-Westfalen 3.649.072 Menschen im Alter von über 65 Jahren. Von ihnen waren 57 % weiblich und 43 % männlich. Im höheren Alter von über 85 Jahren nimmt die Verschiebung der Geschlechterverteilung zugunsten der Frauen aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung weiter zu: Mehr als zwei Drittel (70 %) in dieser Altersgruppe sind weiblich (LZG.NRW 2015b). Die Datenlage bestätigt: Das Alter ist weiblich.

Über alle Altersgruppen hinweg gibt es Unterschiede im Gesundheitszustand von Männern und Frauen Unterschiede. Dabei spielen biologische Faktoren ebenso eine Rolle wie gesellschaftliche und psychosoziale. Die Arbeits- und Lebenssituationen sowie die (sozialen) Erwartungen an ihre Geschlechterrolle unterscheiden sich und prägen das Gesundheitsverhalten von Frauen und Männern.

Daher lassen sich geschlechtsspezifische Unterschiede bei gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen und auch bei der Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen feststellen (Robert Koch-Institut 2014): Männer haben ein riskanteres Gesundheitsverhalten als Frauen. Sie trinken mehr Alkohol, rauchen eher als Frauen und essen ungesünder. Im jüngeren Lebensalter bewegen sie sich mehr in ihrer Freizeit, wobei sich dieses Aktivitätsverhalten im fortschreitenden Alter umkehrt. Auch in ihrem Präventionsverhalten unterscheiden sich die Geschlechter: Frauen verhalten sich gesundheitsbewusster (LZG.NRW 2015a).

Zudem differieren Männer und Frauen in der Wahrnehmung, Bewertung und Kommunikation von Symptomen und ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen (RKI 2014). In der Altersgruppe der 65- bis 79-Jährigen bezeichnen knapp 51 % der Frauen und knapp 58 % der Männer ihren Gesundheitszustand als "sehr gut" oder "gut" (BZgA 2013b). Entsprechend sind die Erfordernisse in Gesundheitsförderung und Prävention geschlechts- und gendertypisch verschieden.

zb buttEin Altersrisiko für Frauen ist die Vereinzelung. Etwa drei Viertel der hochaltrigen Frauen leben in Privathaushalten allein, aber nur ein Drittel der hochaltrigen Männer; familiäre Netze nehmen ab. Eine geeignete Wohnform für alleinlebende, oft verwitwete Frauen im Alter ist das Projekt des Beginenwerks "Frauenwohnen-Berlin", ein gemeinschaftliches Frauenwohnprojekt in Berlin. Unternehmungen zu zweit oder in kleineren oder größeren Gruppen und die gegenseitige Unterstützung fördern die Lebensqualität der Bewohnerinnen. Das soziale Netz bietet den schützenden Hintergrund, auch wenn professionelle Hilfe notwendig werden sollte. Die Gemeinschaft ist auch für Paare offen.

Weitere Informationen zu Frauenwohnen-Berlin (Abruf: 03.09.2015).

Wie gezeigt werden konnte, sind Gesundheitsförderung und Prävention im Alter wichtige Themen. Die bestehenden Präventionspotenziale älterer Menschen wurden in verschiedenen Übersichtsarbeiten ausgewiesen (Kruse 2002, SVR 2001) und legen die Implementierung entsprechender gesundheitsfördernder Maßnahmen nahe. Bislang bestehen in Deutschland jedoch noch keine flächendeckenden Angebote der Gesundheitsförderung und Prävention für ältere Menschen - in den letzten Jahren konnte jedoch eine Zunahme an Aktivitäten und Initiativen verzeichnet werden (BMG 2009).